Punta Arenas

Zu Besuch in der südlichsten Großstadt der Welt

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zum 500. Jahrestag der Entdeckung der Magellanstraße im Jahr 2020

Punta Arenas liegt an der Magellanstraße (Estrecho de Magallanes) im äußersten Süden Chiles. Die Magellanstraße, genauer gesagt die Magellanmeerenge, ist 611 Kilometer lang und verbindet den Atlantischen mit dem Pazifischen Ozean. Der Portugiese Ferdinand Magellan, auch Hernando de Magallanes genannt, der 1519 im Dienste der spanischen Krone mit fünf Schiffen (Trinidad, Concepción, San Antonio, Victoria und Santiago) zu einer Ostasien-Expedition aufgebrochen war, fand diese Durchfahrt eher zufällig. Am 21. Oktober 1520 trieb ein schwerer Sturm zwei seiner Schiffe in eine Bucht. Erst nach mehreren Wochen fand die Flotte den westlichen Ausgang zum Pazifischen Ozean. Weil ihm am Allerheiligentag klar wurde, dass er die lange gesuchte Durchfahrt nach Westen gefunden hatte, gab Magellan diesem Gewässer zunächst den portugiesischen Namen "Estreito de Todos os Santos" (Meerenge aller Heiligen). Erst später etablierte sich die Bezeichnung "Estrecho de Magallanes". Die Plakette am Schriftzug Punta Arenas aus dem Jahr 2020 erinnert an den 500. Jahrestag der Entdeckung.

Punta Arenas bezeichnet sich gerne als die südlichste Großstadt der Welt. Großstädte sind nach einer Begriffsbestimmung des International Statistical Institute (ISI) alle Städte mit mindestens 100.000 Einwohnern. Mit mehr als 120.000 Einwohnern erfüllt Punta Arenas diese Voraussetzung. Die argentinische Stadt Ushuaia liegt deutlich weiter südlich, ist mit rund 80.000 Einwohnern gemäß der ISI-Definition zwar eine große Stadt, aber keine Großstadt. Noch weiter südlich liegt der chilenische Ort Puerto Williams mit knapp über 2.000 Einwohnern, der sich selbst als die südlichste Stadt der Welt bezeichnet. Als südlichster ganzjährig bewohnter Ort gilt die Amundsen-Scott-Südpolstation in der Antarktis, auf der etwa 130 Forscher während des antarktischen Sommers arbeiten und ca. 50 in der Station überwintern. Wer oder was also das südlichste von irgendetwas ist, bleibt eine Frage der Definition und des Marketings.

Punta Arenas
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Am 21. September 1843 erreichte der chilenische Marinekapitän Juan Williams die Magellanstraße, um das riesige Gebiet im Süden im Namen der chilenischen Regierung in Besitz zu nehmen. Sein Schiff wurde in Ancud, nördlich der Isla Grande de Chiloé gebaut und nach dem Ort benannt. Die Ancud wurde speziell für diesen Zweck angefertigt, ein Zweimastschoner mit hölzernem Rumpf, 15,84 m lang, 3,80 m breit, 2,78 m hoch und mit vier 40-Pfund-Kanonen bewaffnet. An Bord befanden sich 23 Besatzungsmitglieder, von denen etwa die Hälfte am Zielort verbleiben sollte. Außerdem an Bord: Nutztiere für die Zucht, ein paar Ziegen, zwei Schweine, drei Hunde und ein paar Hühner. Am Magellanufer in Punta Arenas gibt es ein Denkmal, das die Ereignisse von 1843 beschreibt.

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Der Schoner „Ancud"

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Der Schoner „Ancud"

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Der Schoner „Ancud"

Es wurden drei Nachbauten des Schoners angefertigt, zwei davon vom Regionalmuseum in Ancud. Das dritt Exemplar befindet sich in Punta Arenas im Museum Nao Victoria. Das Museum Nao Victoria zeigt Nachbildungen wichtiger Schiffe für die Geschichte der Region Magallanes und der chilenischen Antarktis. Neben der Ancud sind dort weitere bekannte Schiffe zu sehen: die Victoria (eines von fünf Schiffen der Armada von Ferdinand Magellan), die James Caird (eines der drei Beiboote der Endurance, des Expeditionsschiffs von Ernest Shackleton während seiner Antarktisexpedition von 1914–1917) und die HMS Beagle (ein britisches Schiff, das für Vermessungsfahrten insbesondere an den Küsten Südamerikas und Australiens genutzt wurde, bekannt geworden unter anderem durch die Teilnahme von Charles Darwin an der zweiten Expedition von 1831 bis 1836).

Am 18. Dezember 1848 wurde Punta Arenas von Gouverneur José de los Santos Mardones gegründet. Der Name geht zurück auf die Bezeichnung "Sandy Point", wie der Ort auf britischen Seekarten genannt wurde. Sir John Narborough soll die Bezeichnung erstmals im Jahr 1670 in einem Logbucheintrag verwendet haben. Narborough war ein englischer Marinebefehlshaber (1640-1688), der im September 1670 an der pazifischen Seite in die Magellanstraße segelte. Die Umgebung des heutigen Punta Arenas beschrieb er mit den Worten "Sand-Point ist ein mittelgroßer, niedriger Punkt, der weiter draußen liegt als die anderen Punkte des Ufers und auf dem ein paar Bäume wachsen." Er setzte seine Reise fort nach Valdivia an der Atlantikküste, um Handelsbeziehungen zu den Mapuche zu knüpfen. Die Bezeichnung "Sand-Point" blieb erhalten.

Schon früh begannen die Siedler Dienstleistungen für Schiffe zu erbringen, die auf der Magellanstraße unterwegs waren. Der zunehmende Transit ausländischer Schiffe und deren Besatzungen veranlasste die chilenische Regierung, Punta Arenas den Status eines kleinen Hafens und eines Freihafens zuzuerkennen. Diese Maßnahmen begünstigten die Ansiedlung zahlreicher europäischer Siedler, die neue produktive Tätigkeiten wie den Goldabbau, Handwerk und  Schafzucht aufnahmen und den europäischen Charakter des Stadtzentrums prägten. Die Stadt erlebte einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufschwung, der aber 1914 mit der Eröffnung des Panamakanals erheblich gebremst wurde. Die Stadt wurde 1928 durch ein Gesetzesdekret in „Magallanes“ umbenannt, erhielt jedoch 1938 ihren ursprünglichen Namen zurück.

In den folgenden Jahren wurden Maßnahmen zur Entwicklung anderer Wirtschaftstätigkeiten ergriffen. Die wichtigste dieser Maßnahmen war die Erkundung der Kohlenwasserstoffvorkommen auf dem Meeresgrund. 1950 konnten die ersten Ölquellen in Betrieb genommen werden. Damit verfügte man nun über eine eigene Energiequelle, die der Region wirtschaftliche Stabilität ermöglichte. Heute spielt der Tourismus eine wesentliche Rolle. Punta Arenas ist ein beliebter Ausgangspunkt für Exkursionen, Kreuzfahrten oder ein Besuch der Pinguin-Kolonien auf der Isla Magdalena. Vom Flughafen gibt es Verbindungen u.a. zu den Falklandinseln und in die Antarktis.

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Eines der wenigen verbliebenen roten Dächer

Bis etwa 1970 wurde Punta Arenas „die Stadt der roten Dächer“ genannt, da die Metalldächer mit einer roten Schutzbeschichtung gestrichen wurden. Heute stehen auch andere Techniken zur Verfügung, insofern ist die Welt der Dächer vielfältiger und bunter geworden.

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Hernando de Magallanes-Denkmal

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Hernando de Magallanes-Denkmal

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Hernando de Magallanes-Denkmal


Das Hernando de Magallanes-Denkmal befindet sich in der Mitte des Muñoz-Gamero-Platzes in Punta Arenas. Es wurde 1920 zum Gedenken an den 400. Jahrestag der Entdeckung der Magellanstraße eingeweiht. Das Denkmal besteht aus einer 10 m hohen Bronzeskulptur auf einem Zementsockel. Die Skulptur stellt Hernando de Magellan dar, der auf einer Kanone steht und seinen Hut in der rechten Hand hält. Auf der einen Seite des Zementsockels befindet sich die Bronzeskulptur einer jungen Frau mit erhobenen Armen und auf der anderen Seite die Skulptur eines patagonischen Indianer, wodurch das Denkmal den Beinamen Monumento del Indio Patagón erhielt. Ein Mythos besagt, wenn man den Zeh des Patagoniers küsst, hat man viel Glück im Leben und kehrt auch wieder in die Stadt Punta Arenas zurück.

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Luis Alberto Pardo Villalón

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Villalón mit dem Bug der Yelcho

Am Ufer der Magellanstraße befindet sich ein weiteres interessantes Denkmal und natürlich hat auch dieses mit der Seefahrt zu tun. Es ist gewidmet Luis Alberto Pardo Villalón (1882-1935). Er war Kapitän des Dampfschiffes Yelcho, mit dem die 22 Besatzungsmitglieder der gescheiterten Antarktis-Expedition der Endurance von Elephant Island gerettet wurden. In Chile wird er noch heute „Piloto Pardo“ genannt und als Nationalheld verehrt.

Auf der Antarktis-Expedition von Sir Ernest Shackleton wurde das Expeditionsschiff Endurance im Januar 1915 vom Packeis eingeschlossen. Der Druck des Eises hat das Schiff so stark beschädigt, dass es am 27. Oktober 1915 sank. Die Besatzung konnte sich nach Elephant Island retten. Shackleton und fünf weitere Expeditionsteilnehmer versuchten, mit einem offenen Rettungsboot Hilfe zu holen.

Nach über 800 Seemeilen erreichten sie Südgeorgien und organisierten Rettungsaktionen für die verbliebenen 22 Besatzungsmitglieder. Die ersten drei Versuche scheiterten. Shackleton konnte die chilenische Regierung überzeugen, ihm das Dampfschiff Yelcho unter dem Kommando von Kapitän Pardo zu überlassen. Am 25. August 1916 legte die Yelcho in Punta Arenas ab.

Fünf Tage später, am 30. August erreichte die Yelcho Elephant Island. Kapitän Pardo und Shackleton konnten die zurückgelassenen Besatzungsmitglieder der Endurance retten und kehrten am 3. September 1916 unter dem Beifall der Bevölkerung und der Würdenträger der chilenischen Marine nach Punta Arenas zurück. Kapitän Pardo wurde nach dieser Rettungsaktion befördert und erhielt den Rang eines Kapitäns erster Klasse. Weitere zivile und militärische Ehrungen folgten. Auf Elephant Island wurde der Gebirgskamm Pardo Ridge nach ihm benannt und ein Kap auf der nördlichen Seite erhielt den Namen Kap Yelcho. Im Archipel der Südlichen Shetlandinseln trägt die Villalón-Passage seinen Namen. Zudem sind die Islas Piloto Pardo, der nordöstliche Teil der Südlichen Shetlandinseln, nach ihm benannt.

Am Ufer der Magellanstraße gibt es zum Glück auch einige lebendige Sehenswürdigkeiten:

Wasservögel
Scharben und Möwen an der Muelle Loreto

Blutschnabelmöwe
Blutschnabelmöwe
Leucophaeus scoresbii

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Humboldtscharbe
(Nannopterum brasilianus)

Blauaugenscharben
Blauaugenscharben
(Leucocarbo atriceps)



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